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Backstage
Der frühe Stummschwätzer
Premiere Westside-Story

Interview

Vis-à-vis: Der Pantomime Mattes Weißbach im Interview



Wird das jetzt eigentlich was mit einem Gespräch? Du pflegst Dich ja ohne Worte auszudrücken.

Mattes Weißbach: Das Kuriose an Pantomimen ist, dass diese ohne Ende quatschen sobald sie nicht auf der Bühne stehen. Sie erzählen – sie fragen, wie sie angekommen sind, ob sie verstanden wurden, müssen sich erklären, holen sich Feedback ein… Ja, natürlich ist die nonverbale Kommunikation meine Stärke, weil sie das Mittel ist mit dem ich die Inhalte meiner Stücke transportiere. Aber ich unterhalte mich auch sehr gern auch ohne Interview mit Dir.


Wie bist du Pantomime geworden?


Mattes Weißbach: Pantomime wird man, wenn man sich als Schauspieler bewusst dafür entscheidet. Oder man will als Kind in einer Theatergruppe spielen und wird dann in die Pantomimengruppe gesteckt. Ich bin eher so ein „verunfallter“ Pantomime.
Als Kind habe ich viel „rumgesponnen“, was ich heute allerdings eher im Proberaum mache. Meine genervte Mutter beschloss irgendwann, mich in eine Theatergruppe zu schicken. Im Pionierpalast, dem heutigen FEZ, gab es für die Zehnjährigen nur die Pantomimegruppe. Meine Lehrerin Rita Mai war ausgebildete Tänzerin.

 


1990 als letzte DDR-Truppe zum Internationlen Kindertheaterfestival


Sieben Jahre lang bin ich einmal wöchentlich dort hingegangen. Wir haben geübt, trainiert, Stücke inszeniert, und sind 1990 als letzte DDR-Truppe zum Internationlen Kindertheaterfestival nach Lingen in die BRD gefahren. Ich wollte Schauspieler werden, schon als Kind wollte ich das immer, Schauspieler oder Tischler. Irgendwann war ich zu alt für die Gruppe. Dann bin ich zum Amateurtheater gegangen. Für die Schauspielschule „Ernst Busch“, wo ich mich beworben hatte, war ich mit 17 noch nicht reif genug, um als Künstler ausgebildet zu werden, beruflich zu spielen habe ich mich damals nicht getraut.

Mir fehlte dafür die Grundsicherheit. So probierte ich viele verschiedene Sachen aus, kam aber  immer wieder auf die Schauspielerei zurück. Ich stand also bald vor einer Entscheidung: Ich hatte Vieles vernunftgesteuert und halbherzig versucht, was mir keinen besonderen Spaß machte.  Mit 33 entschied ich: Du wirst jetzt Pantomime. Und wenn du damit kein Geld verdienst, hast du wenigstens Spaß an der Arbeit. Im Stadttheater Cöpenick habe ich mir einen Job gesucht, wollte dort spielen. Es gab aber gerade keine Rolle für mich. So habe ich eben ein halbes Jahr lang Ton und Licht gemacht.

In der Zeit fiel die endgültige Entscheidung für die Pantomime. Ich dachte, als Pantomime bist du so eine Art feiger Schauspieler, der nicht sprechen muß, der sich hinstellt und sein Ding macht. Hätte ich gewusst, wie viel schwieriger das ist, wie viel Mut man braucht, wäre ich vielleicht doch eher sprechender Schauspieler geworden. Mittlerweile bin ich froh. Ich hatte ausgezeichnete Lehrer; Schüler und Kollegen des  Ausnahmemimen Marcel Marceau, von denen ich in der Folge lernen und mit denen ich auch zusammenarbeiten konnte.


Worin besteht dieser Mut für einen Schauspieler, wenn die Sprache wegfällt?


Mattes Weißbach: Es ist die Herausforderung, sich nur mit dem Körper auszudrücken, deutlich, aber nicht so, dass man durch Überzeichnung das Publikum für dumm verkauft. Es geht um die Qualität der Eindeutigkeit, den Mut das Wesentliche mit einer Geste auszudrücken, der Wirkung zu vertrauen und nicht der Angst nachgeben und in eine Überbetonung und Grimassierung zu flüchten.  Man darf nicht mit der Haltung herangehen, es könnte vielleicht jemand zu dumm sein, um mich zu verstehen. Nicht der Zuschauer ist zu dumm, wenn er es nicht erkennt, sondern der Pantomime ist nicht klar in seiner Darstellung. Emotional zu spielen, kann auch schnell kitschig werden. Wut, Freude, Trauer kann man ohne Worte auch schnell übertreiben.

Ein sehr dankbares Publikum sind Kinder, denen man nichts vormachen kann.  Sie zeigen Dir ob sie Spaß haben. Auf die Reaktionen der Kinder kann ich mich immer verlassen. In meinen Vorstellungen sitzen vom Maurer bis zum Professor alle Gesellschaftsschichten. Die Kunst besteht darin, denen etwas Universelles zu zeigen. Mein Lehrer hat gesagt: „Spiel für die Mutter von deinem Kumpel Nick. Die sitzt im Publikum. Und wenn die dich versteht, haben dich alle anderen auch verstanden.“


Du denkst Dir Deine Stücke selbst aus. Ist das eine Eigenheit der Pantomimen, ihre Stücke selbst zu schreiben? Oder gibt es auch Autoren in diesem Genre?


Mattes Weißbach: Explizite Mime-Autoren gibt es nicht, viel eher Regisseure und Choreographen. Das Schauspiel arbeitet mit einem Skript, einem Textbuch. Das nutzt einem Pantomimen nichts. Man kann in groben Zügen eine Geschichte aufschreiben. Weil es kein gesprochenes Wort gibt, muss man Gedanken, Emotionen und Intentionen beschreiben, ebenso Handlungsabläufe, mehr geht nicht. Es gibt einen roten Faden um den ich mich herumtaste; die Mime-Techniken kann man lernen, aber es gibt Millionen von Varianten, den Körper zu bewegen, eben wie es Millionen Arten gibt einen Text zu interpretieren und zu sprechen.

Pantomime wirkt nur in dem Augenblick ihrer Darstellung, neben wenigen Ausnahmen in der Kontinuität der Bewegung.  Das verlangt vom Zuschauer kontinuierliche Aufmerksamkeit und ein Zuschauen. Ich entwickle meine Ideen selbst und arbeite dann bei komplexen Stücken mit meinem Regisseur. Es gibt natürlich ein paar klassische Stücke und jede Menge Etüden, zum Beispiel von Marceau oder Decroux. Aber ich spiele lieber eigene Figuren und lasse etwas von den Meistern einfließen, anstatt zu kopieren. Du kommst als Mime auch nicht drum herum, es gibt etablierte Gesten, die in ihrer Eindeutigkeit nicht zu überbieten sind. Ich muß das Rad auch nicht neu erfinden, sondern nutze das vorhandene Vokabular, um damit neue Geschichten zu erzählen.


Kann man Dich buchen, für einen bestimmten Anlass eine Pantomime bestellen?


Mattes Weißbach: Ich schreibe Auftragsstücke für Firmenjubiläen, runde Geburtstage und Hochzeiten – so ähnlich wie in der Musik eine Auftragskomposition. Leider gibt es für die entstandenen Stücke keine andere Verwendung über den Anlaß hinaus,  weil es in seiner besonderen Individualität zu keinem anderen Publikum passt – der Kontext fehlt.

Ich schreibe aus zusammengetragenen Anekdoten und Erinnerungen einen mimisch begleitbaren Sprechtext, der vom Veranstalter oder einem anderen Vorleser vorgetragen wird. Mit diesem übe ich dann ähnlich einer Theaterprobe das Stück ein, mit dramaturgischen Sprech- und Spielpausen. Zur Veranstaltung selbst wird somit ein gut inszeniertes und vor allem sehr persönliches Stück dargeboten, in dem sich die Dargestellten wiederfinden und die Gäste etwas über ihre Gastgeber erfahren. Es hat einen besonderen Unterhaltungswert und wird vor allem für Hochzeiten gern gebucht. Gespielt wird dann die Geschichte des Brautpaares als Kinder innerhalb ihrer Familien über das gegenseitige Kennnenlernen, das Zueinanderfinden bis zum Ja-Wort.

Zudem bin ich als Walk-Act für Messen und Großveranstaltungen buchbar oder als Solokünstler mit Shows für eine komplette Veranstaltung oder innerhalb eines Varieté-Abends.

 


Gibt es für Pantomime spezielle Bühnen?


Mattes Weißbach: Es gibt vor allem Festivals, auch Bühnen, aber nicht viele. Eine ausschließliche Pantomimenbühne gibt es meines Wissens hierzulande nicht. In Berlin gibt es die Bühne der Etage, einer Pantomimeschule, die Gastspiele und Semesterarbeiten, Abschlussarbeiten und Workshows-in-progress präsentiert. Auch Dresden bietet einiges, ansonsten dominieren im kulturelles Überangebot eher Sprechtheater, Tanzperformances oder Konzerte. Pantomime hat es schwer, leidet unter dem Vorurteil, das sei etwas für den Kindergeburtstag. Die „Bronzestatuen“ in den Stadtparks tun ihr übriges. Meist sind Pantomime-Stücke, Teile von Varieté-Shows. In Prag und Warschau ist die Pantomime etwas stärker vertreten, dort bin ich auch öfter auf Festivals. Generell ist es sowieso einfacher, außerhalb von Großstädten Auftrittsmöglichkeiten zu finden, wo das Publikum nicht so übersättigt ist und sich eher auf „Experimente“ einlässt.


Bist du jemand, der im Alltag besonders genau die Mimik und Gestik seiner Mitmenschen
beobachtet?


Mattes Weißbach: Ich mache das ständig, sehe mir viele Videos an. Oft versuche ich auch, mich in ganz bestimmten Situationen selbst zu beoachten. Wie reagiere ich? Wie spüre ich mich selbst? Gesprochene Sprache ist dazu da ist, sich auszudrücken und – zu lügen, der Körper kann nicht lügen.

Körpersprache ist instinktiv, ohne Selbstkontrolle.

Es gibt (auch einen) kulturelle
und geschlechtsspezifische Unterschiede in der Körpersprache. Das ist wichtig für mich, weil ich manchmal in Frauenrollen schlüpfe – allerdings jenseits von Travestie. Also, ich gehe nicht los und nehme mir vor etwas Spezielles zu beobachten. Aber es gibt Situationen, wo ich aufmerke und mir sage, genau so muss das aussehen eindeutiger geht es nicht. Das speichere ich für mich ab und Spaß macht es sowieso.


Dein pantomimisches Alter Ego ist der Stummschwätzer. Wer ist das?


Mattes Weißbach: Ich habe eine zeitgemäße Figur gesucht. Unpathetisch und auf die schnelllebig e Zeit zugeschnitten. Am Anfang war ich ziemlich hektisch, ein stummer Schwätzer halt. Es wird ja unentwegt geschwatzt im Alltag und weniger mit Tiefe unterhalten. Überall Small Talk – deshalb fand ich den Stummschwätzer für mich am passendsten.


Was macht der Stummschwätzer aktuell?


Mattes Weißbach: Es gibt mehrere schöne Programme. Das aktuellste ist die „West Side Story“ mit der Musik von Bernstein. Mit dem Konzerthaus Berlin habe ich „Das bunte Alphabet der Tiere“ und „Das kleine Einmaleins der Gefühle“ gemacht. Dann gibt es noch den „Däumling“, für Kinder ausgedacht, funktioniert aber für jedes Alter. Ich werde in diesem Jahr noch in Dresden, Rheinsberg und Tschechien gastieren, bin in (Kindergärten}Kitas und Schulen unterwegs. Natürlich kann ich auch improvisieren als Walkact (bis zu einer Stunde Länge).  Anfragen sind natürlich immer willkommen!
www.mattes-weissbach.de


Mit Mattes Weißbach sprach Harry Mehner.
Foto: Bochumer Symphoniker